Komtess – aufgegeben und aufgeblüht

 


Portrait Komtess Komtess am Langen Zügel, Sommer 2015 die 30-jährige Tessi am Langen Zügel Der Lange Zügel-Komtess


An dieser Stelle möchte ich meine eigenen Pferde vorstellen und damit ein Beispiel geben, was die Ausbildung und Gymnastizierung im Sinne der Klassischen Reitkunst leisten kann. Anfangen möchte ich mit meiner 30-jährigen Trakehnerstute Komtess.

Ich kenne sie seit ihrem dritten Lebensjahr. Sie lebte im gleichen Stall wie mein erstes Pferd, der Arabo-Haflinger Maxi.

Da sie ein sehr sensibles Pferd ist, zeigte sie sich beim Reiten mit „zu viel Hand“ oft widersetzlich. Dies führte dazu, dass sie mit Schlaufzügeln geritten wurde. Beim Versuch, sich gegen die Zwangshaltung zu wehren, gewöhnte sie sich das Steigen an und überschlug sich einige Male mit ihrem Reiter. Sie galt als eigensinnig und schwierig zu reiten. Sie wurde über die Wintermonate in einer Innenbox gehalten, in der sie häufig auch mal eine Woche ohne herauszukommen oder saubere Einstreu zu erhalten, verharren musste. Sie drehte dann stundenlang Runden im Kreis und gewöhnte sich diese stereotype Verhaltensstörung an, sobald sie in einer Box stand.

Entsprechend dieser Lebensumstände war ihre Bauch- und Rückenmuskulatur nur schlecht ausgebildet, sie hatte einen „Hängebauch“ und einen dünnen Hals.

Mit circa dreizehn Jahren kaufte meine ältere Schwester diese an sich sehr hübsche und sensible Stute.

Sie steckte sehr viel Zeit in dieses Pferd und schaffte es, langsam die psychische und physische Situation zu verbessern.

Das hypernervöse Verhalten und das Steigen sobald zu viel Handeinwirkung herrschte, legte sie jedoch nicht ab.

Und auch das Halten in einer Innenbox war nicht möglich.

Schließlich übernahm ich Komtess mit circa fünfzehn Jahren, da meiner Schwester die Zeit fehlte, sich weiter intensiv um sie zu kümmern.

Der Vorteil dieser Stute war, dass sie immer freundlich und dem Menschen zugewandt war, trotz der schlechten Behandlung in den ersten Jahren ihres Lebens. Aber sie war zu keinem Zeitpunkt bösartig.

Sie wurde fortan in Gruppenhaltung gehalten und verbrachte nur im Winter die Nachtstunden neben Maxi  in einer geräumigen Box.

So fand sie allmählich zu mehr Ruhe.

Ich begann, sie viel an der Hand und an der Longe zu arbeiten. Geritten wurde sie nur mit feinstem Zügelkontakt. Und sie entwickelte sich zu einem verlässlichen Partner. Nach einiger Zeit war das Reiten nur mit Halsring ins Gelände möglich.

Auch über kleinere Hindernisse ließ sie sich ohne Sattel, nur mit einem Halfter ausgestattet, springen.

Mit ungefähr 27 Jahren zeigten sich die ersten Anzeichen einer Arthrose im rechten Sprunggelenk. Interessanterweise genau das Hinterbein, mit dem sie immer vermehrt Last aufnahm. Ihre hohle Seite ist rechts, die steifere Seite links. Das linke Hinterbein hat eine Fehlstellung mit einer ausgeprägten Schiefe des Hufes. Zudem wurden  am linken Hinterbein bei einem Unfall die Beugesehnen durchtrennt und mussten in der Pferdeklinik genäht werden. Seither tritt sie mit diesem Bein etwas kürzer und die Sehne ist durch das Narbengewebe verdickt. Aber die Arthrose mit einer teilweise massiven Lahmheit zeigte sich rechts!

Das rechte Sprunggelenk war in den ersten zehn Jahren massiv belastet bei den ewigen engen Runden rechtsherum im Kreis in der Box.

Die Vorderbeine weisen bei Komtess eine zehenenge Stellung auf, sind bisher aber auch in Ordnung.

Dies zeigt, dass nicht unbedingt Fehlstellungen für Arthrosen verantwortlich sind, sondern vielmehr auch die Belastungssituation.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es mich immer wieder verwundert, wieviel Röntgenbilder bei Ankaufsuntersuchungen für viel Geld in Auftrag gegeben werden, um wirklich sicherzustellen, dass das zukünftige Pferd ja keine Fehlstellungen oder sonstigen Probleme mit den Beinen hat oder bekommt. Im Anschluss wird jedoch kein Geld in eine gute Ausbildung investiert. Das Pferd wird in seiner Schiefe belassen und auf der Vorhand geritten, so dass auf einzelne Gliedmaßen und Gelenke massive Kräfte einwirken. So stehen die Chancen gut, dass das Pferd trotz anfänglich perfekter Röntgenbilder frühzeitig unter Verschleißerscheinungen leidet und erlöst werden muss. Umgekehrt haben leichte Fehlstellungen bei einer systematischen Ausbildung zum Reitpferd und Stärkung der Muskulatur recht wenig Einfluss. Sicher ist das Risiko eines Pferdes mit Fehlstellungen der Gliedmaßen höher, frühzeitig Verschleißerscheinungen zu entwickeln, verglichen mit einem Pferd mit geradem Fundament. Aber: Ist das Pferd mit gutem Fundament nicht gut ausgebildet, das Pferd mit der leichten Fehlstellung aber schon, so ist die Wahrscheinlichkeit für ein langes und gesundes Leben für das Pferd mit den Fehlstellungen höher! Dies soll verdeutlichen, dass das Abfangen der Stoßkräfte beim Reiten über eine gut aufgebaute Muskulatur an den richtigen Stellen, essentiell für ein langes und glückliches Pferdeleben ist.

Ich habe beim Kauf meiner Pferde niemals Röntgenbilder anfertigen lassen. (Sie kommen allerdings auch alle sozusagen vom Metzger).

Trotz dieser Arthrose im rechten Sprunggelenk und zeitweise hochgradiger Lahmheit, habe ich versucht, in den lahmfreieren Zeiten die Muskulatur zu erhalten. Zunächst standen viele Spaziergänge mit wenig Wendungen wie sie auf dem Reitplatz zwangsläufig vorkommen, auf dem Programm. Wenn es Tessi sehr gut ging, habe ich etwas Arbeit an der Hand, an der Doppellonge oder auch am Langen Zügel eingebaut. Jedoch stets mit der Beachtung enge Wendungen oder gar lange Sequenzen von Seitengängen zu vermeiden.

Heute ist Komtess 30 Jahre alt. Sie erfreut sich bester Gesundheit, sie spielt mit der achtjährigen Fleur auf der Koppel fangen. Die Arthrose haben wird durch den Erhalt der Muskulatur und zeitweisen Einsatz von Medikamenten gut in den Griff bekommen. Und ich hoffe, dass wir noch viele gemeinsame Jahre mit viel Spaß und Freude verbringen können!


Freies Spiel, Tessi, 30 Jahre Der Lange Zügel-Komtess dsc_0268-kopie Spielen Charlotte und Komtess


Mit dieser wahren Geschichte möchte ich an alle Pferdebesitzer appellieren, mehr Gewicht auf eine systematische und abwechslungsreiche Ausbildung Ihres Reitpferdes im Sinne der Klassischen Reitkunst zu legen. Alle heutzutage existierenden Spielarten des Pferdetrainings haben ihre Berechtigung. Man sollte darüber jedoch nicht eine sinnvolle Gymnastizierung und den gezielten Aufbau von Muskulatur in den Hintergrund drängen, im Hinblick auf ein langes und vor allem gesundes und glückliches Reitpferdeleben!

Zum Schluss möchte ich anmerken, dass diese Art des Trainings niemals autodidaktisch erfolgen kann. Man sollte sich immer einen Trainer mit viel Erfahrung gerade auch mit Pferden mit gesundheitlichen Problemen oder Verhaltensproblemen suchen. Und auch die besten Trainer nehmen Unterricht und holen sich Rat bei erfahreneren Kollegen. Das Geld ist auf jeden Fall besser investiert als in alle anderen am Markt angebotenen Leistungen. Denn das aktive Bewegungsprogramm ist immer das Beste, sofern es mit viel Erfahrung und Gespür, individuell auf die Bedürfnisse von Pferd und Reiter abgestimmt, ausgewählt wird.

Eure Charlotte

 

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3 Comments
  • Lisa Schröter
    Antworten

    Wunderschöne Geschichte! Wie beim Menschen muss nicht jede Abweichung zu gesundheitlichen Problemen führen. Es bedarf einfach einer angepassten Reitweise. Darum gefällt mir als Physiotherapeutin die französische Reitweise so. Sie ist in sich logisch und arbeitet in kleinen Schritten.

    2. April 2017 at 17:49

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