Fleur – vom Metzger zur École de Légèreté

Oder: „Der Reiter formt das Pferd.“ (Udo Bürger)


 

Fleur nach der Ankunft Fleur nach der Ankunft Aufpäppeln mit Heu Spaziergang Fleur


Unter der Rubrik „Meine Pferde“ habe ich bereits meine nun 30-jährige Trakehnerstute Komtess sowie meine 29-jährige polnische Warmblutstute Lady vorgestellt. Beides einzigartige Lebensläufe. Mein jüngst zu mir gestoßenes Pferd Fleur hat für ihr junges Alter auch eine bewegte Vorgeschichte. Im Jahr 2015 war ich sehr lose auf der Suche nach einem jungen Pferd, das ich weiter ausbilden könnte. Mir fiel folgende Verkaufsanzeige auf: „Fünfjährige Hannoveranerstute mit brillanter Abstammung zu verkaufen. Als Zuchtstute abzugeben, da unreitbar.“ Das machte mich stutzig. Erst fünf Jahre alt und schon die Diagnose unreitbar? In der Ahnentafel stehen klingende Namen wie Weltmeyer und Rubinstein I, die wohl vielen ein Begriff sind. Sogenannte Jahrhunderthengste. Also rief ich an und machte einen Termin aus. In dem Händlerstall in Süddeutschland angekommen, glaubte ich dem Pferdehändler zunächst nicht, dass er mir das richtige Pferd zeigte. Die Stute, die den Papieren entsprechen sollte, sah erbärmlich und wie mindestens 30 Jahre und nicht wie fünf Jahre alt aus. Also bekundete ich meine Skepsis. Daraufhin zeigte mir der Händler das Brandzeichen am linken Hinterschenkel mit Nummer, die wirklich mit den Daten im Pferdepass übereinstimmte. Nun schon etwas niedergeschlagen sah ich mir das Pferd im Freilauf an und war sehr ernüchtert. Steife Gänge, schlechte Hufe, eine extreme Schiefe, so dass die Stute in Wendungen deutlich lahmte. Sie sollte in der folgenden Woche auf den Transport zu den Pferdemärkten Italiens gehen. Über die Vorgeschichte konnte ich nicht sehr viel erfahren. Die Stute wurde in Norddeutschland gezüchtet, ging in ihrem jungen Alter durch mehrere Hände und niemand kam mit ihr klar. Sie bockte, stieg und entledigte sich aller ihrer Reiter. Die Idee, sie als Zuchtstute zu nutzen, erübrigte sich damit auch. Also kurzweg ein ziemlich hoffnungsloser Fall. Da mir das Schicksal dieses Pferdes allerdings sehr nahe ging, und ich ihren trotzigen Blick mochte, kaufte ich sie eine halbe Stunde, nachdem ich den Hof des Händlers betreten hatte. Ich dachte mir, ich kann ja mal schauen wie weit ich mit ihr komme. Und so schlitterte ich kurze Zeit später im Februar 2015 mit dem Pferdeanhänger durch den Schneesturm über den Fernpass Reutte Richtung Süddeutschland. Als ich die Stute wiedersah, kam sie mir noch erbärmlicher vor. Zu Hause angekommen, erhielt sie erstmal Ruhe, nette Kameradschaft durch Tessi und Lady und vor allem viel Heu. Es folgten erste Versuche, spazieren zu gehen, bei denen sie sich losriss, vor allem Angst hatte und sich nichts sagen ließ. Allerdings war sie zunächst so ausgezehrt und kraftlos, dass noch einigermaßen gut mit ihr umzugehen war. Ich begann einige Wochen später, ihr die Grundlagen eines gemeinsamen Zusammenlebens beizubringen. An einigen Tagen ging es gut, an anderen Tagen stand sie mehr senkrecht in der Luft als mit vier Beinen am Boden, riss sich los, zerfetzte ihren Kappzaum und mehrere Halfter und Stricke und sorgte für blaue Flecken. Sie schien, Menschen wirklich zu hassen und Ihnen keinen Millimeter zu trauen. Also traf sie ihre eigenen Entscheidungen. Auf dem Reitplatz kämpfte sie bis „aufs Messer“, wenn man etwas von ihr verlangte. Im Gelände zeigte sie sich etwas sanftmütiger. Schließlich konnte ich nach vielen mühsamen Stunden der Bodenarbeit erste Aufstiegsversuche unternehmen, die sie sich gefallen ließ. Ich ritt zunächst nur mit einem Halfter im Gelände, da sie das am besten tolerierte und sogar recht brav war. Ich ließ Fleur selbverständlich tierärztlich untersuchen, um sicher zu gehen, dass keine gravierenden Probleme bestünden, die ihr Verhalten erklärten. Ich erhielt die Empfehlung, das Pferd auf die Koppel zu stellen oder ganz zu erlösen, da sie lahm ginge und man so ein Pferd nicht reite. In den Röntgenbefunden zeigte sich jedoch kein pathologischer Befund. Der Grund für die Lahmheit war die ausgeprägte Schiefe, die sehr asymmetrischen, verwahrlosten Vorderhufe und die mangelnde Bemuskelung sowie die deutliche Fehlbemuskelung mit Verspannungen. Im Laufe der Ausbildung verbesserten sich die Gänge und diese Lahmheit verschwand. Ich bin sicher, dass sich die Gangarten noch weiter verbessern werden. Im ersten Jahr unseres gemeinsamen Lebens konfrontierte ich sie nicht mit einem Gebiss, vor allem nicht beim Reiten. Ein Gebiss akzeptierte sie zunächst gar nicht. Sie schlug heftig mit dem Kopf, verdrehte oft die Augen, so dass das Weiße zum Vorschein kam und stieg oder buckelte. Später verweigerte sie jeden Kontakt und biss sich in die Brust sobald man versuchte, einen leichten Kontakt herzustellen. Langsam und mit viel Geduld gelang es schließlich, dass sie das Gebiss immer besser akzeptierte. Auch heute arbeite ich noch an einem guten Kontakt.


Schwieriger Anfang UNADJUSTEDNONRAW_thumb_c0 schwieriger Anfang out of control


Ein kleines Tief erreichte uns Ende Oktober 2015, als ich unbedingt abends noch zehn Minuten auf dem Reitplatz reiten wollte. Es war laut, da nebenan auf dem Sportplatz ein Fest tobte. Es war schon dunkel und auf dem Spazierweg, der durch ein Gebüsch vom Reitplatz getrennt ist, raschelte es immer wieder durch vorbeigehende Spaziergänger mit ihren Hunden. Das nur an einer Seite des Platzes montierte Flutlicht produzierte lange, unheimliche Schatten. Ich stieg trotzdem in den Sattel, schließlich hatten wir uns ganz gut zusammengerauft. Und keine 30 Sekunden später erschrak Fleur so heftig, dass sie wild losbuckelte und mich schließlich in einem Haken nach rechts in die Luft beförderte. Mit viel Wucht durch die hohe Bewegungsenergie knallte ich auf die hölzerne Reitplatzumgrenzung und brach mir fünf Rippen. Eine schmerzhafte, aber heilsame Erfahrung. Schließlich war es meine eigene Schuld. Bereits am nächsten Tag verließ ich das Krankenhaus und war wieder im Stall bei meinen Pferden. Zwar noch mit viel Schmerzmittel und sehr langsam, aber fest entschlossen, weiter an meiner Beziehung zu diesem Pferd zu arbeiten. Es kostete einige Mühen, diesen Bruch im bereits erarbeiteten Vertrauen auszubügeln. Im April 2016 begann ich wieder mit der Gewöhnung an das Reitergewicht. Im Sommer 2016 fuhr ich mit Fleur bereits einige Male nach Deutschland zum Unterricht.


Schwieriger Anfang Kein Interesse am Menschen es wird langsam Fleur im Gelände-entspannt


Es macht unglaublich viel Spaß an der Entwicklung dieses Pferdes hin zu einem freundlichen und an der Arbeit mit mir interessierten Lebewesen teilzuhaben. Und obwohl der Weg mit diesem Pferd aufgrund der schlimmen Vorerfahrungen ein sehr steiniger ist, konnte mir nichts besseres passieren. Das Motto in der Pferdeausbildung sollte dem Leitsatz „Der Weg ist das Ziel“ folgen. Man muss die Entwicklung genießen und nicht über ferne Ziele philosophieren.

Im März 2017 konnten wir an unserem ersten Kurs im Rahmen der Reitlehrerausbildung der École de Légèreté teilnehmen. Und obwohl sie noch sehr aufgeregt dort war, bin ich sehr zufrieden und stolz auf sie. Dass sie trotz noch bestehender Skepsis, gerade in fremder Umgebung, doch recht brav mitgemacht hat. Wir haben noch einen sehr langen Weg vor uns. Und ich freue mich, diesen gehen zu dürfen. Ich hoffe, das trifft auf Fleur auch ein wenig zu. Wenn sie mittlerweile auf der Koppel zu mir kommt und sich kraulen lässt, anstatt mir ihr Hinterteil, bereit auszuschlagen, zuzuwenden, denke ich schon, dass sie Vertrauen zu mir und anderen Menschen fasst. Gerade die tiefen psychischen Wunden, die sie davongetragen hat, brauchen auch Zeit, neben Geduld, Konsequenz und Tipps von anderen Trainern und vielem mehr, um langsam zu heilen. Die körperlichen Defizite und Narben sieht man jetzt schon kaum mehr. Dieses Pferd zeigt neben meinen anderen Pferden einmal mehr, dass die gängigen Ausbildungsmethoden nicht im Sinne der Pferde sind. Eine Ausbildungsmethode, die zu einer so massiven Gegenwehr des Pferdes führt, kann nicht richtig sein. Und Fleur ist sicher kein Einzelfall in dem System, das auf eine schnelle Ausbildung und vor allem Leistung abzielt, ohne die Bedürfnisse und die Natur des einzelnen Pferdes zu respektieren. Eine gute Reitlehre muss auf alle Pferde anwendbar sein, nicht nur auf die Gutmütigen oder nicht so Wehrhaften unter ihnen. Der Stolz der Pferde muss erhalten bleiben und sie müssen als gleichwertige Partner behandelt werden. Sie sind nicht unsere Sklaven! Daher freue ich mich, mit meinen Pferden wirklich „live“ zeigen zu können, dass die Mehrheit nicht immer richtig liegt und man häufig den eigenen Weg und oft den Weg einer Minderheit gehen muss. Nehmt Euch zu Herzen: Es liegt nie am Pferd, sondern immer am Reiter, wenn sich das Pferd beginnt zu widersetzen oder körperlich in keiner optimalen Verfassung ist.

Meike Wix hat einige sehr schöne Momente während der Fortbildung der École de Légèreté im März 2017 mit unserem Master Teacher  Sabine Mosen eingefangen, die zeigen, dass Fleur trotz  all der Demütigungen, die sie ertragen musste, ihren Stolz nicht verloren beziehungsweise wiedergefunden hat. Auch unter dem Sattel.


Fein reiten, E.d.L. Fein reiten, E.d.L. Fein reiten, E.d.L. Fein reiten, E.d.L.


Wer sich für die Reitlehre im Sinne der klassischen Reitkunst interessiert, im Besonderen für die École de Légèreté, die von dem genialen Ecuyer Philippe Karl gegründet wurde, lade ich herzlich ein, Kontakt mit mir aufzunehmen. Es gibt die Möglichkeit als Zuschauer bei den Lehrgängen und Theorieseminaren mitzumachen, sowie als Gastreiter teilzunehmen.

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5 Comments
  • Helga Plattner
    Antworten

    So toll wie du das machst. Ich bewundere dich sehr. Ganz liebe Grüße Helga. Leider habe ich Mara nicht mehr als Reitbeteiligung. Bin jetzt aber auf der Suche nach einem eigenen Pferd. Ja hoffentlich findet mich eines. Nochmals alles liebe für dich und deine Pferde.

    14. Mai 2017 at 11:50
    • Charlotte Wagner
      Antworten

      Liebe Helga, danke für die lieben Worte. Schade, dass Du Mara nicht mehr hast. Du hast sie doch so gern gemocht. Ich wünsche Dir aber, dass Du das richtige Pferd für Dich findest oder eben das Pferd Dich. Falls Du Hilfe brauchst, lass es mich wissen. Lieben Gruß von Charlotte

      14. Mai 2017 at 17:02
  • Lisa Schröter
    Antworten

    Sehr schöne Geschichte! Erstaunliche Bilder bei der Vorgeschichte. Aber von diesen Pferden lernt man erfahrungsgemäß am meisten.

    14. Mai 2017 at 18:25
    • Charlotte Wagner
      Antworten

      Ja, das stimmt. Nicht umsonst heißt es, die Pferde sind unsere besten Lehrmeister 🙂

      14. Mai 2017 at 21:01

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