Respekt gegenüber dem Pferd!

„Wer sein Pferd liebt und schmust, der geht zu Fuß – wer sein Pferd ehrt und achtet, der reitet.“


Fleur, Ecole de LEgerete Fein reiten, E.d.L. Charisma Fleur, Ecole de LEgerete


Zugegeben ein etwas holpriges Versmaß, abgeleitet von dem Spruch „wer sein Rad liebt, der schiebt – wer sein Rad ehrt, der fährt.“

Es klingt zunächst ein wenig provokant. Wir lieben doch alle unsere Pferde und schmusen tun wir auch so gern mit ihnen. Ob das immer im Sinne des Pferdes ist und wie genau diese Liebe oft aussieht, ist ungewiss.

Ich habe in den vielen Jahren, in denen ich Pferde ausbilde und korrigiere die Erfahrung gemacht, dass die Pferde es dem Menschen mehr danken, wenn dieser klar in seinem Verhalten gegenüber dem Pferd ist. Die Pferde nehmen einen „touch“ mit der Gerte nicht übel, sofern sich dieser auf ein Fehlverhalten bezieht und für das Pferd klar zugeordnet werden kann. Es sind ja prinzipiell sehr friedliebende harmoniebedürftige Tiere.  Ohne einen guten Grund schlagen sich die Pferde auch untereinander nicht.

Diese klare, feine und dem Pferd gegenüber immer mit Respekt und Fairness gesprochene Sprache fällt dem Menschen nicht in den Schoß. Der eine ist etwas talentierter als ein anderer, der andere lernt aber vielleicht schneller. Man darf sich jedoch in diesem Punkt nichts vormachen. Die mit den Pferden verbrachte Zeit ist ein entscheidender Faktor. Aber auch das WIE verbringe ich die Zeit mit diesen Tieren ist enorm wichtig. Wenn ich zwanzig Stunden des Tages mit den Pferden verbringe und dabei auch mit ihnen kommuniziere, mit ihnen „abhänge“ und natürlich auch mit ihnen arbeite und ihnen teilweise sehr viel abverlange, sie manchmal auch provoziere und das volle Potential herauskitzele, werde ich mehr erreichen als wenn ich drei Stunden im Stall Kaffee trinke, mit den Kollegen quatsche und schließlich noch “ ne Runde“ reite.

Auch die „quality time“ zählt. Und für ein Pferd ist es eben keine „quality time“ stundenlang gewaschen, eingeflochten und geküsst zu werden. Einzelne Exemplare mögen das über sich ergehen lassen, aber der Wunsch des Pferdes ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.

Gerade unsere heutigen Pferde, die wir einer sehr selektiven Zucht zu verdanken haben, sind als ein Kriterium auch auf Leistung gezüchtet. Und wird ein Pferd seiner Natur entsprechend gearbeitet und dabei durchaus auch tüchtig gefordert, so ist das Pferd nach einer solchen Einheit entspannter, ausgeglichener und glücklicher als zuvor. Ist dies nicht der Fall, so ist im Training etwas schiefgelaufen. Die Pferde beginnen gern mitzuarbeiten und sich für ihren Menschen anzustrengen. Und wenn meine Pferde nach dem Training zufrieden und entspannt dastehen, gemütlich gähnen und genussvoll kauen, ihnen langsam die Augen zufallen, während sie sich von mir noch eine Massage abholen, weiß ich, dass etwas richtig gelaufen ist. Oft „schrubbel“ ich die Pferde noch fast die gleiche Zeit, die das Training gedauert hat. Da werden genau die Stellen, die dem Pferd guttun gekrault, massiert und gestreichelt, Muskeln gelockert und durchgeknetet. Die Pferde zeigen, was ihnen guttut und wo sie am liebsten massiert werden.

Ich beobachte auch häufig, dass die Pferde vor dem Training etwas verspannt sind, ungnädig ihre Nüstern nach hinten ziehen, untereinander „giften“ und einfach nicht ausgeglichen wirken. Hier sei gesagt, dass wenigen Pferden soviel Platz zur freien Entfaltung zur Verfügung steht wie bei mir im Stall. Aber auch wenn den Pferden eine drei Hektar Koppel zur Verfügung steht, so entspricht das lange nicht dem Laufbedürfnis gerade der hoch im Blut stehenden und auf Leistung gezüchteten Pferde.

Nach dem Training sind die Tiere wie ausgewechselt. Und diese Reihenfolge ist „Pflicht“. Benötige ich regelmäßig den Physiotherapeuten für mein Pferd, da es durch das Reiten Verspannungen zeigt, so läuft grundlegend etwas falsch. Wenn ein Mensch regelmäßig Sport treibt und sich gut gymnastiziert, wäre es höchst verwunderlich, wenn er regelmäßig nach dem Sport einen Therapeuten braucht. Auch beim Menschen kommen die Verspannungen eher durch zu wenig Bewegung. Auch der Mensch wird zunehmend steif, wenn es ihm an Training und Gymnastik mangelt oder er ein Übertraining oder einfach ein grundlegend falsches Training, das gegen die Natur gerichtet ist, absolviert.

Als Resume möchte ich allen Pferdeleuten mit auf den Weg geben: Wer sein Pferd reiten möchte, der sollte die Disziplin aufbringen, sein Pferd auch geistig und körperlich in die Lage zu versetzen, eine Last von meist mehr als 50 Kilogramm tragen zu können. Und nicht nur das. Da diese „Last“ lebendig ist, ist sie umso schwieriger auszubalancieren. Daher gehört es für einen guten Reiter ebenso zum Pflichtprogramm, sich selbst fit und beweglich zu halten. Und auch die Koordination sowie die Körperwahrnehmung müssen geschult werden.

Aus Respekt dem Partner Pferd gegenüber!

In diesem Sinne ist der einführende Leitsatz zu verstehen. Wer Pferde lieben und schmusen möchte, der sollte am Boden bleiben. Wer nicht in der Lage ist, ein Pferd mit Respekt und Achtung wirklich im Sinne des Pferdes zu trainieren, sollte sich ebenfalls ein anderes Hobby suchen. Wenn aber Respekt und Achtung gegenüber dem Pferd vorhanden sind und auch der Wille, an sich selbst zu arbeiten,  steht der Weg zu einem Reiterdasein, das diesem edlen, wilden und gleichsam sanftmütigen Tier gerecht wird, offen.

Du sollst nur jungfräuliche Pferde reiten und ihre Jungfräulichkeit bewahren. So nenne ich eine innere Unberührtheit, die darin besteht, dass trotz allem Gehorsam, trotz vielleicht höchster Schulung, nichts an natürlicher Frische und natürlicher Bewegung, an Zutrauen und Gehlust verloren ist.

Denn auch deine Seele, Geliebte, hat ihre Jungfräulichkeit und mag sie bewahren-ewiglich.

Meinst du, das Leben zerbreche die Menschen? Sieh, was Menschen aus Pferden machen. Die Menschen sind es die das Leben zerbrechen. So zerbrechen sie auch das Leben der Pferde. 

Armselige Wirkung landläufiger Dressur: die Dressur ist beendet aber das Leben ist dahin. Strafen und Knebel, Zusammenschrauben zwischen ewig verhaltenden Zügel und ewig treibende Schenkel und Sporen, verfluchte Ausbinderiemen, nicht endendes Stillstehen herangetreten an unerbittliche Säulen (Pilaren), die ungeheure Freudlosigkeit der Schulmeisterei hat es zerbrochen. Du sitzest nur noch auf einer gut gewöhnten Maschine.

Die Beglückung des Pferdes durch dich gelingt keiner deiner Bemühungen. Es nutzt nichts dass du es wirbst. Unter dir tanzt es nicht, lacht es nicht, spielt es nicht mehr. Nichts sucht dich. Das Pferd gehorcht aus Gewohnheit, weil es nichts anderes mehr weiß.

Doch sieh edle Fohlen und Jährlinge frei in der Koppel. Wohl hängen sie im Getrappel der Herde achtlos und lässig am Wind. Wenn sie aber das Selbstbewußtsein ergreift, wenn sie sich brüsten und zeigen, schweben sie in erhobenen Tritten daher. Feuer ist unter ihrem Huf. Die Beine fliegen. Der ganze Leib ist getragen: ein Hebelspiel aller Gelenke zugleich. Auf unsichtbaren Zaum stützen sie leicht den geschwungenen aufgerichteten Hals. Das ganze Tier scheint unter die Wölbung des Halses zu treten. Eine unsichtbare Reiterhand folgt in nie gelernten Gängen einer natürlichen hohen Schule.

Dem sinne nach-und du wirst wissen, was jungfräuliche Pferde sind, was jungfräuliche Pferde vermögen.

(„Reitvorschrift für eine Geliebte“, Rudolf G. Binding, Olms Verlag, 2018)


Fleur und Charlotte nach dem Reiten Mein Pferd Komtess pferd-fleur-2 Wow Galopp

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